Immanuel Kant (Darstellung von ...) Kants naturtheoretische Begriffe (1747-1780) - Eine Datenbank zu ihren expliziten und impliziten Vernetzungen
 
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Band:02 [Akademie Ausgabe] (452 Seiten)
ausgewaehlter Ausschnitt:Seite 375 bis Seite 383
Kurztitel des Ausschnitts:1768 Gegenden
Titel:Von dem ersten Grunde des Unterschiedes der Gegenden im Raume
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01 eine Rechte oder eine Linke, und um die eine hervorzubringen, war
02 eine andere Handlung der schaffenden Ursache nöthig, als die, wodurch
03 ihr Gegenstück gemacht werden konnte.


04

Nimmt man nun den Begriff vieler neueren Philosophen, vornehmlich
05 der Deutschen an, daß der Raum nur in dem äußeren Verhältnisse der
06 neben einander befindlichen Theile der Materie bestehe, so würde aller
07 wirkliche Raum in dem angeführten Falle nur derjenige sein, den diese
08 Hand einnimmt
. Weil aber gar kein Unterschied in dem Verhältnisse
09 der Theile derselben unter sich statt findet, sie mag eine Rechte oder Linke
10 sein, so würde diese Hand in Ansehung einer solchen Eigenschaft gänzlich
11 unbestimmt sein, d. i. sie würde auf jede Seite des menschlichen Körpers
12 passen, welches unmöglich ist.


13

Es ist hieraus klar: daß nicht die Bestimmungen des Raumes Folgen
14 von den Lagen der Theile der Materie gegen einander, sondern diese
15 Folgen von jenen sind, und daß also in der Beschaffenheit der Körper
16 Unterschiede angetroffen werden können und zwar wahre Unterschiede, die
17 sich lediglich auf den absoluten und ursprünglichen Raum beziehen,
18 weil nur durch ihn das Verhältniß körperlicher Dinge möglich ist, und
19 daß, weil der absolute Raum kein Gegenstand einer äußeren Empfindung,
20 sondern ein Grundbegriff ist, der alle dieselbe zuerst möglich macht, wir
21 dasjenige, was in der Gestalt eines Körpers lediglich die Beziehung auf
22 den reinen Raum angeht, nur durch die Gegenhaltung mit andern Körpern
23 vernehmen können.


24

Ein nachsinnender Leser wird daher den Begriff des Raumes, so wie
25 ihn der Meßkünstler denkt und auch scharfsinnige Philosophen ihn in den
26 Lehrbegriff der Naturwissenschaft aufgenommen haben, nicht für ein bloßes
27 Gedankending ansehen, obgleich es nicht an Schwierigkeiten fehlt, die
28 diesen Begriff umgeben, wenn man seine Realität, welche dem innern
29 Sinne anschauend gnug ist, durch Vernunftideen fassen will. Aber diese
30 Beschwerlichkeit zeigt sich allerwärts, wenn man über die ersten data unserer
31 Erkenntniß noch philosophiren will, aber sie ist niemals so entscheidend
32 als diejenige, welche sich hervorthut, wenn die Folgen eines angenommenen
33 Begriffs der augenscheinlichsten Erfahrung widersprechen.

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