Immanuel Kant (Darstellung von ...) Kants naturtheoretische Begriffe (1747-1780) - Eine Datenbank zu ihren expliziten und impliziten Vernetzungen
 
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Band:02 [Akademie Ausgabe] (452 Seiten)
ausgewaehlter Ausschnitt:Seite 013 bis Seite 025
Kurztitel des Ausschnitts:1758 Neuer Lehrb.
Titel:Immanuel Kants Neuer Lehrbegriff der Bewegung und Ruhe ; und der damit verknuepften Folgerungen in den ersten Gruenden der Naturwissenschaft, wodurch zugleich seine Vorlesungen in diesem halben Jahre angekuendigt werden ; den 1. April 1758
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01 Tau, womit es befestigt war, aufgeknüpft sei, und das Schiff langsam
02 den Strom herabtreibe; ich sage alsbald: die Kugel bewegt sich und zwar
03 von Morgen gegen Abend nach der Richtung des Flusses. Jemand sagt
04 mir aber, die Erde drehe sich in der täglichen Bewegung mit viel größerer
05 Geschwindigkeit von Abend gegen Morgen; alsbald werde ich anderes
06 Sinnes und lege der Kugel eine ganz entgegen gesetzte Bewegung bei, mit
07 einer Geschwindigkeit, die aus der Sternenwissenschaft leicht bestimmt
08 wird. Aber man erinnert mich, daß die ganze Kugel der Erde in Ansehung
09 des Planetengebäudes von Abend gegen Morgen in einer noch
10 schnellern Bewegung sei. Ich bin genöthigt dieselbe meiner Kugel beizulegen
11 und ändere die Geschwindigkeit, die ich ihr vorher gab. Zuletzt lehrt
12 mich Bradley, daß das ganze Planetengebäude zusammt der Sonne
13 wahrscheinlicher Weise eine Verrückung in Ansehung des Fixsternenhimmels
14 erleide. Ich frage: nach welcher Seite und mit welcher Geschwindigkeit?
15 Man antwortet mir nicht. Und nun werde ich schwindlicht,
16 ich weiß nicht mehr, ob meine Kugel ruhe oder sich bewege, wohin und
17 mit welcher Geschwindigkeit. Jetzt fange ich an einzusehen, daß mir in
18 dem Ausdrucke der Bewegung und Ruhe etwas fehlt. Ich soll ihn niemals
19 in absolutem Verstande brauchen, sondern immer respective. Ich soll niemals
20 sagen: Ein Körper ruht, ohne dazu zu setzen, in Ansehung welcher
21 Dinge er ruhe, und niemals sprechen, er bewege sich, ohne zugleich die
22 Gegenstände zu nennen, in Ansehung deren er seine Beziehung ändert.
23 Wenn ich mir auch gleich einen mathematischen Raum leer von allen Geschöpfen
24 als ein Behältniß der Körper einbilden wollte, so würde mir
25 dieses doch nichts helfen. Denn wodurch soll ich die Theile desselben und
26 die verschiednen Plätze unterscheiden, die von nichts Körperlichem eingenommen
27 sind?


28

Nun nehme ich zwei Körper an, deren der eine B in Ansehung aller
29 mir zunächst bekannten Gegenstände ruht, der andere A aber gegen ihn
30 mit einer bestimmten Geschwindigkeit anrückt. Die Kugel B mag nun in
31 einer noch so unveränderten Beziehung gegen andere äußere Gegenstände
32 beharren, so ist sie darin doch nicht, wenn man sie in Ansehung der bewegten
33 Kugel A betrachtet. Denn ihre Beziehung ist gegenseitig, die Veränderung
34 derselben also auch. Die Kugel B, welche in Ansehung gewisser
35 Objecte ruhend genannt wird, nimmt an der Veränderung der gegenseitigen
36 Relationen mit der Kugel A gleichen Antheil, sie kommen beide einander
37 näher. Warum soll ich denn trotz allem Eigensinn der Sprache

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